Geschichte

Marta Schanzenbach - Ein Leben für die Politik


„Im Bundestag hatte ich wieder großes Glück, ich habe Menschen getroffen, die ich aus meiner Jugendzeit und aus Berlin kannte. Zum Beispiel Fritz Erler, mit dem ich im Jugendamt Prenzlauer Berg zusammengearbeitet habe, Louise Schröder, die meine Lehrerin auf der Fürsorgeschule war. Die kannten mich und holten mich gleich in Funktionen.“

Marta Lehmann wird am 7. Februar 1907 als ältestes von sieben Kindern in Gengenbach geboren. An der Bürgerschule erhält das begabte Mädchen eine Freistelle. Früh erfährt sie „als Kind armer Leute“ Diskriminierung und fasst den Entschluss, gegen Unterdrückung und gegen Ungleichheit und Intoleranz zu kämpfen. Nach verschiedenen Tätigkeiten bewirbt sich Marta Schanzenbach an der Wohlfahrtsschule der Arbeiterwohlfahrt in Berlin. Marta Schanzenbach erhält ein Studiendarlehen und macht sich auf die Reise „in eine völlig andere Welt“. Die Fahrt von Gengenbach nach Berlin erscheint der jungen Frau aus dem Schwarzwald wie eine Reise um die Welt. In Berlin fühlt sie sich zum ersten Mal am richtigen Platz im Leben. Ihre erste Stelle tritt Marta Schanzenbach 1931 am Prenzlauer Berg an. Zwei Jahre später kommen die Nationalsozialisten an die Macht und Marta Schanzenbach verliert ihre Arbeit. Zu dieser Zeit ist sie mit dem Kollegen Albert Schanzenbach von der Fürsorgeschule befreundet. Die beiden sind der Meinung, der Spuk könne nicht lange dauern, aber gemeinsam werde man die Zeit des Nationalsozialismus wahrscheinlich besser überstehen. 1933 wird sie von den Nationalsozialisten entlassen. Nach langer Zeit der Arbeitslosigkeit sucht sie sich 1939 eine Stelle als Fürsorgerin im heimischen Gengenbach. Weil die Kriegsvorbereitungen auf vollen Touren laufen und Fürsorgerinnen gesucht werden, lässt man Marta Schanzenbach wieder arbeiten. Im Januar 1940 wird Albert Schanzenbach eingezogen, seit dem Sommer 1944 wird er vermisst. 1947 tagt der Landesparteitag der SPD in Offenburg, Marta Schanzenbach spielt eine wichtige Rolle und Carlo Schmid ist beeindruckt: "Diese Frau müsste ihr in den Vorstand wählen." 1949 zieht Marta Schanzenbach als eine von vier Frauen in den deutschen Bundestag ein.

Die erste und wichtigste Aufgabe des Bundestages ist die Verabschiedung des Grundgesetzes. Marta Schanzenbach hat in ihren Unterlagen Aufzeichnungen aus dieser Zeit aufbewahrt. Es sind Dokumente der ersten Gehversuche der jungen Republik. Immer wieder taucht die Frage auf: „Was ist Demokratie?“ „Warum ist die SPD nicht in die Regierung eingetreten?“ hat Marta Schanzenbach handschriftlich hinzugesetzt. Die Antwort lautet: „Frauen sind konservativ und wählen CDU.“ In Bonn - Bad Godesberg wird über das Profil der Partei diskutiert. Im „Godesberger Programm“ wird der Wandel der SPD von der Arbeiterpartei zur Volkspartei verabschiedet. Marta Schanzenbach arbeitet eng mit Willy Brandt zusammen und befürwortet die Modernisierung der SPD.

„Die große alte Dame der SPD“ feiert 60 Jahre Mitgliedschaft in der SPD. Aus Bonn reist Fraktionskollege Helmut Schmidt nach Gengenbach. Schanzenbach und Schmidt verbindet eine langjährige Freundschaft. Man wusste sich zu nehmen. Wie Marta Schanzenbach meinte: „Ich habe dem Schmidt immer Paroli geboten. Das hat unserer Beziehung sehr gut getan, wir wussten beide wie es gemeint war. Damals war er ja noch Schmidt-Schnauze.“ Altkanzler Helmut Schmidt hat das Verhältnis zu seiner „geistigen Ziehmutter“ Marta Schanzenbach so beschrieben: „Sie konnte mir oft liebevoll, aber diszipliniert eins draufgeben, als ich ne ganz schön freche Klappe hatte.“

1972 scheidet Marta Schanzenbach aus der Politik aus. Eine neue Frauengeneration war herangewachsen, die von der Förderung durch männliche Kollegen nichts wissen wollte. „Da dachte ich, da kommt was anderes, da fängt eine neue Zeit an. Die Frauen wollten was anderes. Mehr Mitbestimmung... bis dahin sind Frauen berufen worden, aber diese jungen Leute wollten gewählt werden, sie wollten unabhängig sein.“

Im Februar 1997 feiert sie ihren 90. Geburstag. Marta Schanzenbach stirbt im Juni desselben Jahres. Seit 2005 trägt das Gymnasium in Gengenbach ihren Namen. Nach der Ehrenbürgerin der Stadt Gengenbach wird auch eine Straße genannt. Im Alter von 88 Jahren sagte sie in einem Interview: „Ich fand das Leben ungeheuer interessant, dabei gewesen zu sein und mitgeholfen zu haben, das Leben der Menschen zu verbessern... das war mein Glück im Leben.“


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